Hier schreibt der Mathematiker Alexander Dreyer über Formeln, Fernsehen und andere Dinge, die die Welt (nicht) braucht. Die ungeschminkte Wahrheit über den ganz normalen alltäglichen Wahnsinn wird dabei liebevoll ergänzt durch groteske Anekdoten, die so oder so ähnlich passiert sind - oder es hätten können.


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»Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht?«


»O Romeo!« Foto © Andreas Klein

»O Romeo, Romeo!« krächze ich mit hoher Stimme und hochrotem Kopf. »Warum bist du Romeo? – Verleugne deinen Vater und entsage deinem Namen...«

Nein, ich kann's weiß Gott nicht verleugnen, die Julia auf dem Bild, das bin ich. Sicher wollt Ihr wissen, wie es dazu gekommen ist, dass ich nach langer Abstinenz vom Amateur-Theater wieder auf der Bühne gelandet bin! Und dann ausgerechnet als fescher Kupferkopf.

Das arme Mädchen, das dazu verdonnert worden war mein Romeo zu sein, setzte vorsichtig an: »Soll ich länger zuhören, oder auf dieses antworten?«
Ich suche nach den Worten. Nicht etwa, weil mich mein Gedächtnis verlassen hätte. Nein, ich hatte ihn nie gelernt, der stand ja in großen Lettern auf meinem Spickzettel. Nur leider raublte der kirschfarbene Mopp auf meinem Kopf mir jede Sicht. (Wie damals beim Krippenspiel als ich der dritte König war und mir andauernd die Krone ins Gesicht gerutscht ist...) Endlich schaffte ich es elegant die Frisur zur Seite streichen, um einen Blick auf meinen Text zuergattern.
»Nicht du, bloß dein Name ist mein Feind; du würdest du selbst sein, wenn du gleich kein Montague wärest! – Was ist Montague?« Ja, wer zur Hölle war dieser Montague? »Es ist weder Hand noch Fuß, weder Arm noch Gesicht, noch irgend ein andrer Teil. Was ist ein Name? Das Ding das wir eine Rose nennen, würde unter jedem andern Namen eben so lieblich riechen.«
Ja, so kannte man den guten alten Willy Shakespeare (wenn man ihn denn kannte).

Was war geschehen? In unserer Lieblingssneak wird noch von Hand anmoderiert. Damit die Moderation auf die Dauer nicht langweilt, gibt es immer mal wieder lustige Spiele, um dem wartenden Publikum die Zeit zu vertreiben. Und am 27. Februar durften ein paar Freiwillige »Romeo und Julia« vorspielen. Auch ich war unter den Freiwilligen, denn natürlich hat man uns vorher nicht gesagt, was wir tun sollten. Aber da am Abend zuvor die Oscars verliehen worden waren, war eigentlich klar, dass es eine Filmszene werden würde.

Als Freiwillige gesucht wurden, war ich auf dem völlig falschen Gleis. Ich vermutete nämlich, dass wir die Titelmelodie von Hustle & Flow singen sollten. Der Song hatte nämlich auch einen Oscar gekriegt, und da mir diese Melodie sowieso nicht mehr aus dem Kopf ging konnte ich sie genausogut auch vor Publikum singen. Nicht dass ich ein Gesangstalent wäre, aber ich regte die leise Hoffnung, die Noten in meinem Kopf damit endlich loszuwerden.

Doch dann war es ja doch anders gewesen: Wir bekamen den obigen Text in die Hand gedrückt und mussten improvisieren. Und natürlich wurden die Rollen ganz unkonventionell verteilt. Glücklicherweise mussten wir aber ein nur ein sehr kurzes Stück der Balkonszene zum Besten (?) geben und hatten es schnell überstanden. Letztlich ist aber eine Frage offen geblieben: Warum geht er mir einfach nicht mehr aus dem Kopf, dieser Filmsong über den Aufstieg eines Zuhälters (quasi: Pimp My Pimp) und seine musikalischen Ambitionen? (Da bekommt der Begriff »Pop(p)star« doch gleich eine ganz andere Bedeutung.) Und das wo doch das horizontale und mein algebraisches Gewerbe gar keine Berührungspunkte haben. Aber echte Gefühle und Emotionen sind eigentlich überall diesselben. Man könnte auf die Melodie von »It's Hard Out Here for a Pimp« auch genausogut folgendes singen:

You know it's hard out here doing math,
When applyin' the method of steepest descent
Following straightly the largest gradient,
CG works better for positive definit.

Bis zum nächsten mal,

Euer Alexander

Eingetragen am 15 März 2006 20:02 Uhr von Alexander

Das Foto wurde freundlicherweise von Andreas Klein für diese Seite zur Verfügung gestellt.


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Zuletzt geändert am 06 August 2005 16:30 Uhr